Älter werden im Wiener Stadtbezirk – Umorientierung vom System zum Menschen.

Hannes Heissl

Analyse:

Das Sozialsystem zur Unterstützung älterer Menschen hat sich immer mehr an der Organisation und am System orientiert, als an den Bedürfnissen der Menschen.

Die Zukunft der Unterstützung älterer Menschen liegt in der sozialen Stadtteilentwicklung, d.h. in der Bezirksentwicklung, wo auf die lokalen Bedürfnisse und Probleme vernetzt Strategien erarbeitet werden müssen. Dies erfordert eine Umstrukturierung der Pflegeeinrichtungen, SeniorInnen sollen solange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung verbleiben können.

Das Altern und der Umgang mit dem Alter ist immer auch ein soziales, gesellschaftliches Konstrukt. Lange Zeit wurden ältere Menschen von ihren Substandard-Wohnungen in Altersheime versetzt, obwohl sie nicht pflegebedürftig waren, anstatt die Häuser und Wohnungen altersgerecht zu renovieren und mobile Unterstützung einzusetzen.

Es gilt daher, nicht die Organisation oder ein System in den Vordergrund zu stellen, sondern die persönliche Autonomie als Leitbild zu fördern und lokal interdisziplinäre Pflegeteams in den Bezirken einzusetzen. Dies bedeutet eine lokale Sozialpolitik, die in den Bezirken aufgrund der Bedürfnisse erarbeitet und verwirklicht werden muss.

Derzeit ist es für Betroffene und Familien nur sehr schwer, qualifiziertes Pflegepersonal für die mobile Unterstützung zuhause zu bekommen. Der von einem früheren Bundeskanzler als nicht existent bezeichnete Pflegenotstand ist weiterhin Tatsache, und das bei einer stetig ansteigenden Anzahl der Menschen der älteren Bevölkerungsgruppe.

Die politische Forderung:
Hannes Heissl von den Wiener Liberalen fordert

  • den Vorrang für selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter hinein
  • die Umorientierung der Politik weg von der Systemorientierung hin zu den Bedürfnissen des einzelnen Menschen und Individuums
  • dass die Bürgerinnen und Bürger im Mittelpunkt der Stadtpolitik stehen und nicht der Ausbau eines Systems zur Machterhaltung und zur Versorgung von Personen, die parteipolitisch der seit fast hundert Jahren regierenden Partei nahe stehen
  • die Lokalisierung der Strategieerarbeitung in den Bezirken aufgrund der individuellen Bedürfnisse – auf Bezirksebene soll mit der Bevölkerung und vor allem mit den Betroffenen unter Einsatz teilnehmender Instrumente die für den Stadtteil notwendigen Lösungen zur Unterstützung der älteren Menschen erarbeitet werden
  • die signifikante Erhöhung des diplomierten Pflegepersonals (auch unter Einbeziehung von Arbeitskräften aus dem Ausland), den Ausbau entsprechender Bildungseinrichtungen, die leistungsgerechte Bezahlung und die Entwicklung zu einem Zukunftssektor in Wien
  • die rechtzeitige Planung für Gemeindebezirke mit einer homogenen Altersstruktur (beispielsweise Maßnahmen für die zukünftige große Anzahl etwa gleichaltriger SeniorInnen in den Wohnungsneubauten der 60er und 70er Jahre in Wien)

Literatur:

Christiane Feuerstein: Altern im Stadtquartier. Formen und Räume im Wandel. Passen Verlag, Wien 2008.

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KommentareTop

  1. Jutta Aigner 17.06.2009 07:04

    Lieber Hannes und alle Antwortenden!

    Ich freue mich, daß das Thema nun doch “greift”!

    Eines der Probleme, warum die Hausbetreuung der alten Menschen so wenig zufriedenstellend ist, ist der Personalmangel!
    Es melden sich ganz einfach zu wenig Menschen, die diesen Beruf ausüben möchten.
    Die Pflegevereine haben zwar dauernd Inserate in den Zeitungen – es melden sich aber zu wenig brauchbare PflegehelferInnen.
    Es wäre dringend nötig, diesen Beruf in der Öffentlichkeit attraktiver zu machen und besser zu bezahlen.
    Zu den Wochenenden ist es besonders schlimm, da kommen meist Freiberufliche zur Betreuung. Die kennen den Patienten nicht, kommen nur 1x und wenn sie in der “Mappe” lesen müßten, was der Patient benötigt, wäre die halbe Stunde schon vorbei ohne den Patienten betreut zu haben. Gott sei Dank ist meine Mutter geistig so weit, daß sie den Pflegern jedes Mal alles erklären kann.
    Ich bin Physiotherapeutin. Meine Mutter(87) hatte vot 11/2 Jahren einen Schlaganfall, d.h. für mich eine besondere Herausforderung!
    Zum Glück für meine Mutter bin ich schon in Pension. Ich habe Einkaufen, Wäsche, Medikamenteneinteilung, Mobilisierung und Betreuung bei Arztbesuchen übernommen. Ich bin täglich 1x bei Ihr. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe jahrelang Schwerbehinderte zu Hause behandelt und dann viele Jahre dafür gekämpft habe, daß Hausbehandlungen bei Schwerbehinderten von der Krankenkasse bezahlt werden.
    Das System der “Tschechischen PflegehelferInnn” war damals hervorragend. Die Patienten waren sehr zufrieden und die PflegehelferInnen ebenso. Dann haben die Gewerkschaften eine Anzeige erstattet und der mußte nachgegangen werden. Sie dachten, daß den eigenen Schwestern die Arbeit von den Ausländern weggenommen würde. Die eigenen Schwestern wollten diese Arbeit aber gar nicht tun.
    Ich kann ein System aber nur ändern, wenn ich ein besseres zur Verfügung habe, lieber Herr Schüssel!!
    Alle Politiker kennen das Problem, glauben aber immer noch, daß das Thema Versorgung im Alter kein Wahlthema ist!
    Das wird sich sehr plötzlich ändern. 2030 (und auch den Jungen gesagt – das ist bald!) wird es mehr Menschen im Alter von 65 als von 14Jahren geben!!!

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  2. Helmut Schramke 15.06.2009 04:13

    Ich habe in meiner Familie Erfahrungen in der “Begleitung bis zu Ende” mit Leukämie, Alzheimer und Kunstfehlern bei der Krebsbehandlungsammeln “dürfen” und erlebe jetzt wie eine Wohnung für einen Menschen nach einem Gehirnschlag umgebaut wird.

    Von bsesonders “sozialen” Heimen über mit und ohne Abrechnung betreuende inländische Fachkräfte zu 14tägigen Wechselbesuchen aus Tschechien, vor und nach der “Schüssel” Regelung, mit und ohne Sprachkenntnisse kann ich sicher einiges erzählen. In der Theorie kann ich Hannes’ Erklärungen voll unterstützen. In der täglichen Praxis und beim Einsatz der Politiker schauts eher traurig aus.

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  3. Alex 12.06.2009 17:07

    Wenn man einmal davon absieht von welchem Land wir hier reden
    und was für uns als “menschenunwürdig” gilt,
    würde ich auch sagen,
    dass dies bei höheren Alterserwartung ein wichtiges Thema ist.

    Vermutlich setze ich mich mit dem Gedanken in die Nesseln,
    nur zu Hause bis zum Ableben betreut zu werden,
    würde ich in unserer heutigen Welt(wo die Familienangehörigen/Kinder alle einer Arbeit nachgehen) als puren Luxus betrachten.

    Die Pensionisten-Wohnhäuser, die ich bis jetzt von Innen gesehen habe,
    waren beide(ja, es waren nur 2, somit nicht repräsentativ für ganz Österreich) sehr gut eingerichtet(von den Wohnmöglichkeiten, Essen, Betreuung…).
    Wenn, sollte man den Leuten solche Zentren schmackhaft machen,
    denn dort können sie kostengünstig optimal versorgt werden,
    ihren aktivitäten “barrikadenfrei” nachgehen, usw.
    Um eine Förderung wird man jedoch auch da nicht rum kommen.

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    Hannes Heissl 12.06.2009 17:57

    Lieber Alex,

    Neuere Konzepte der Pflege von älteren Menschen richten sich an der IADL-Skala (Instrumental Activities of Daily Living: IADL), welche alle instrumentalen täglichen Aktivitäten erfasst. Dazu gehören sowohl die für die eigenständige Führung eines Haushaltes erforderlichen Aktivitäten als auch Tätigkeiten, die sich auf die äußerhäusliche soziale und räumliche Umwelt beziehen (wie Telefonieren, Einkaufen, Essensvorbereitung, Haushaltsarbeiten, Waschen, Finanzen, usw.).

    Entscheidend für die Entwicklung im Alter sind die vorhandenen sozialen Kompetenzen und die Bedürfnisse.

    Eine hohe Übereinstimmung zwischen den Merkmalen der Umwelt und den Bedürfnissen der Person erhöht das subjektive Wohlbefinden. Bei einer Störung dieses Gleichgewichtes kommt es entweder zu einer Überversorgung (dadurch werden bestimmte Verhaltensweisen nicht mehr trainiert, sodass Fähigkeiten erlischen), oder zu einer Unterversorgung, d.h. einem Versorgungsmangel.

    All diese Erkenntnisse führen zu einem Wandel, der „ambulant vor stationär“ bedeutet (Tageskliniken, Geriatrische Tageszentren).

    Das generelle Leitbild soll die Autonomieförderung der älteren Menschen werden. Dies soll in erster Linie durch lokale (in Wien: in den einzelnen Bezirken) interdisziplinäre Pflegeteams unterstützt werden.

    Das erfordert eine starke lokale (politische) Befassung mit den Bedürfnissen der älteren Menschen, um die geeigneten Maßnahmen zu ergreifen, daß diese möglichst lange in ihren Wohnungen bleiben können (so wie Du es für Dich selber wünscht). Das bedeutet, daß soziale und gesundheitliche Infrastruktureinrichtungen im Wohnbezirk eingerichtet werden müssen.

    Ich denke, daß dies insgesamt auch kostengünstiger ist, als für alle SeniorInnen, die zwar Hilfe benötigen, aber trotzdem nicht pflegebedürftig (im Sinne von notwendiger Betreuung Tag und Nacht) sind, Pensionisten-Wohnhäuser zu errichten.

    Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine Umorientierung vom System “Altersheim” bzw. stationär zu sozialer und gesundheitlichen Unterstützung im Bezirk notwendig. Auch kann statt einer Förderung von Altersheimen eine Förderung zur Verbesserung der Wohnungen (Barrierefreiheit, altersgerechte Bäder und Toiletten udgl.) gewährt werden. Wichtig ist hier auch die entsprechenden personeller Ressourcen, hier können viele Arbeitsplätze geschaffen werden, wozu weiters entsprechende Ausbildungsstätten notwendig sind.

    Aus liberaler Sicht möchte ich das so zusammenfassen: Nicht das System soll im Mittelpunkt stehen sondern der Mensch und seine Bedürfnisse, um möglichst lange eigenständig sein Leben gestalten zu können.

  4. Martin 11.06.2009 13:48

    Leider fällt mir auf, dass dieses sehr wichtige Thema noch nach Tagen bis auf einen Hinweis auf weitere Informationen, keine Blogbeiträge enthält. Dies ist betrüblich und möchte den Eindruck erwecken, dass man zu einem wichtigen Sachthema keine Meinung hat bzw. dass es egal ist.
    Hingegen werden zu Ideologie und Theorien unzählige Beiträge abgegeben.
    Ein Beitrag wie dieser, ist Politik direkt beim Menschen. Ist Antworten auf Fragen des wirklichen Lebens zu finden. Möchte das LIF nur über sich selbst diskutieren oder sich um die wirklichen Probleme der Menschen kümmern?
    Auch wenn man meine Kritik vielleicht als Nörglerei abtun wird, so bitte ich, dies als gut gemeinten Beitrag zu sehen. Der potenzielle Wähler erkennt nämlich nicht, was das LIF für ihn persönlich bringt.
    Das LIF ist dann erfolgreich, wenn es Antworten/Lösungen auf die Fragen und Ängste der Menschen präsentiert.
    Auch wenn ich nicht der LIF-Stratege bin, würde ich vorschlagen, dass man sich mit der gesamten Bevölkerung auseinandersetzt. Auch mit den älteren Personen und dem älter werden.
    Es gibt sicher in diesem Bereich viel zu tun, da die Zukunft für ältere Menschen nicht gerade rosig aussieht. Wie weit wird Pflege oder ein Heimplatz noch leistbar sein? Vielleicht könnte man im geförderten Wohnbau beginnen, dass bei der Gestaltung von Neubauten bereits auf ältere Personen Rücksicht genommen wird. So dass auch jemand der mit 50 in diese Wohnung zieht, diese auch im Alter problemlos benutzen kann. Speziell wenn Personen auf Gehhilfen (Rollator, Rollstuhl, …) angewiesen sind, kann man oft heute gebaute WCs oder Bäder nicht wirklich benutzen. Diese müssten entsprechend geräumig gestaltet sein und es muss die Möglichkeit auf kostengünstige Adaptierung einer behindertengerechten Nutzung vorhanden sein. Ein altes Ehepaar könnte so noch in deren Wohnung bleiben, selbst wenn einer z.B. durch einen Schlaganfall gewisse Behinderungen hat, aber ein gemeinsames selbständiges Leben bei entsprechender Ausstattung weiter möglich ist. Hier geht es auch um Menschenwürde.
    Auch in der Bürokratie muss etwas geschehen. Oft sind alte Menschen nach einem Schicksalsschlag mit viel Bürokratie konfrontiert (Pflegegeld, falsche Einstufung durch oberflächlichen Arzt, bauliche Veränderungen, Suche von Heimplätzen, …). Nicht immer gibt es Angehörige, die unterstützend helfen können. Gerade in Wien wird das Leben für ältere immer schwerer.
    Ich hoffe, dass die strategische Ausrichtung zumindest für Wien sich an den Bedürfnissen der Mensch orientiert.

    Antworten »

    patrick 11.06.2009 14:51

    Natürlich sind auch das wichtige Fragen. Ich kenne zwar nicht viele Pflegeheime von innen, aber eines, das ich von vielen Besuchen vor einigen Jahren kenne, war absolut ungeeignet für ein menschenwürdiges Leben. Inzwischen wird glücklicherweise umgebaut, sodass ich Hoffnung auf Besserung habe. Dennoch ist mir spätestens seit diesen Erfahrungen bin ich sehr dafür, so viel wie nur möglich dafür zu tun, dass Menschen – sofern irgendwie möglich – nicht in Pflegeheime müssen, sondern ein weitgehend selbstbestimmtes Leben in ihren eigenen Wohnungen leben können. Aber das fordert ja auch der Blog-Eintrag. Insofern gibt es da für mich nicht viel, das ich hinzufügen könnte.

    Hannes Heissl 12.06.2009 06:05

    Jutta Aigner, ehemalige liberale Bezirksrätin im 15. Bezirk, hat mir vor kurzem erzählt, daß sie ihre Mutter zuhause betreuen läßt und daß ihre Mutter innerhalb eines Monats 21 (!) verschiedene Pflegekräfte zu Gesicht bekam. Es ist also anscheinend noch ein weiter Weg zur Veränderung des “Systems”, damit ein menschenwürdiges Altern im Stadtquartier bzw. zuhause möglich ist.

    Wir wollen das Thema auch in einer öffentlichen Runde ansprechen und diskutieren und benötigen hiezu noch Experten bzw. Betroffene bzw. Angehörige und Unterstützung in der Organisation der Runde.

  5. Newton 09.06.2009 06:26

    Hiezu eine interessante Unterlage:

    http://lbimgs-archiv.lbg.ac.at/present/21042005.pdf

    Das Pflegesystem wie es derzeit gestaltet ist, ist nicht wirklich auf Nachhaltigkeit ausgerichtet.

    Als qualifizierte Pflegekraft hat man derzeit die Gefahr eines Burn outs und wenig Anerkennung. Das wirkt sich natürlich auch auf die Betroffenen aus und in einer modernen Gesellschaft, wo die Kinder (sofern welche vorhanden sind) immer weniger Zeit haben, sich um die Pflege ihrer Eltern zu kümmern, muß man sich fürchten, älter zu werden.

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