Einige Missverständnisse zum Thema Liberalismus

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Ronald Pohoryles

Liberalismus ist kein geschlossenes System; er basiert auf einem gemeinsamen Menschen- und Gesellschaftsbild; Wirtschaft dient dazu, den geschaffenen Wohlstand gerecht zu verteilen. Aber wie schon der liberale Philosoph (und Harvard-Professor) John  Rawls 1971 in seiner “Theory of Justice” sinngemäß formulierte: Wir werden uns vielleicht nicht darüber einigen können, was gerecht ist, aber sicher darüber, was ungerecht ist.

Unbestritten unter Liberalen ist das Menschen- und das Gesellschaftsbild, wie es auch trefflich in der Charta des LIF formuliert ist:

“Das Liberale Forum sieht im Menschen den zu freiem und verantwortungsbewußtem Handeln befähigten Gestalter seiner eigenen Lebensverhältnisse. Es leitet daraus für sich und die Politik die Aufgabe ab, Urteilsfähigkeit sowie persönliches und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein vorzuleben, zu wecken und dauerhaft zu fördern. Politischer Liberalismuswill die Chancen zu Autonomie und Selbstentfaltung für den einzelnen wie für gesellschaftliche Gruppen sicherstellen und fördern. (…) Liberale Politik sucht zwischen den Extremen des schrankenlosen Egoismus und der bevormundenden Gleichmacherei einen Weg, der zu möglichst viel Freiheit für möglichst viele Menschen führt.”

Unbestritten ist unter Liberalen auch, dass die Marktwirtschaft, basierend auf Wettbewerb und Privateigentum Voraussetzung für ein effizientes Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell ist.

Hier allerdings beginnen die Debatten zwischen den Liberalen, und diese ist keineswegs entschieden: Das Spannungsverhältnis lässt sich an zwei der bedeutendensten Ökonomen des 20. Jahrhunderts festmachen, des Wiener Arztsohns Friedrich von Hayek und des britischen Sohn eines Ökonomieprofessors, J.M. Keynes.  Den Schlüssel zur Kritik Keynes an Hayek liefert übrigens, wie noch zu zeigen sein wird, der österreichische  Politiker und Ökonom J. A. Schumpeter.

Zunächst sollte hier festgehalten werden, dass es ein weitverbreitetes Missverständnis ist, Keynes und seine Theorie als sozialdemokratisch zu verstehen. Keynes war aktives Mitglied der englischen Liberal Party. Sein überzeugender Artikel “Am I a Liberal” aus den 1920er Jahren  beweist seine Einstellungen in überzeugender Art und Weise. Er war britischer Chefunterhändler bei den Bretton-Woods-Verhandlungen im Jahre 1944, die die das internationale Währungssystem auf Grundlage festgelegter Wechselkurse auf Basis eines goldhinterlegten US-Dollars einführte.

Wohl haben die sozialdemokratischen  Gewerkschaften  ein modifiziertes Konzept von Keynes als Grundlage der Sozialpartnerschaft angenommen, jedoch entspricht dies nur zum Teil den Intentionen und den Theorien von Keynes; das Missverständnis hat sich etwa in Österreich in den 1970er Jahren gezeigt, als die Sozialdemokratie in Österreich auch in Phasen der Hochkonjunktur die Staatsschulden erhöht hat; bei Keynes geht es um anti-zyklische Wirtschaftspolitik: Eine drohende Rezession kann durch Erhöhung der staatlichen Ausgaben und damit der Staatsverschuldung gemildert werden; allerdings nur, wenn die Staatsschulden in Phasen der Hochkonjunktur zurückgezahlt werden.

Friedrich von Hayek und Keynes haben einen gemeinsamen politischen Ausgangspunkt: den Kampf gegen jede Form des Totalitarismus, gegen den deutschen und italienischen Faschismus ebenso wie gegen den Stalinismus. Friedrich von Hayeks ideologische Wurzeln liegen eher in jenem Denkansatz, den der deutsche Anarchist Max Stirner im 19. Jahrhundert in seinem Werk “Der Einzelne und sein Eigentum” dargelegt hat und der jeden Bezug auf das Gemeinwohl – in deutlichem Unterschied zu Adam Smith – als Beengung der Freiheitsrechte des einzelnen darstellt,  während Keynes zwar Adam Smith’ Theorie radikal in Zweifel stellt, mit Adam Smith jedoch das Interesse am Gemeinwohl und an gesellschaftlicher Gerechtigkeit teilt.

Für Friedrich von Hayek sind Krisen ausschließlich auf Fehler in der Geldpolitik, in besonderem auf die Ausweitung der Geldmenge, zurückzuführen: Während der freie Markt qua “unsichtbarer Hand” (Adam Smith) für optimale Preise sorgt, führt die Ausweitung der Geldzufuhr zu Preisverzerrungen. Durch Geldmengenausweitung und ein darauf basierendes Kreditsystem steigt die Nachfrage unverhältnismäßig an. Durch die damit verbundene Inflation werden Investitionen nicht mehr rentabel. Nur strenge Finanz- und Budgetdisziplin kann Krisen verhindern.

Sein Freund und Professor in Cambridge John Maynard Keynes widerspricht Hayek (und auch Adam Smith) mit recht überzeugenden Argumenten. Selbst hervorragender Mathematiker kritisierte er die Verwendung der Mathematik in den neo-klassischen Modellen.  Keynes geht davon aus, dass allein freie Preisbildung bei Gütern und Löhnen nicht automatisch zur Vollbeschäftigung führen. Reine Marktwirtschaft kann auch mit langfristig hoher Arbeitslosigkeit einhergehen. Deshalb muss hier kurzfristig der Staat mit einem adäquaten Instrumentarium eingreifen und Globalsteuerung sicherstellen.

Globalsteuerung heißt in Situationen wirtschaftlicher Rezession Nachfragestimulierung: Impulse für private und öffentliche Investitionen und für den privaten Konsum. Aufgrund des von Keynes erbrachten Nachweises, dass mikro-ökonomische Rationalität zu makro-ökonomischen Problemen führen kann, gilt Keynes heute als der Vater der Makro-Ökonomie.

Eine einfache Erklärung, warum das Marktmodell im Sinne der Neo-Klassik nicht funktioniert, hat J.A. Schumpeter geliefert: Das Marktmodell stellt auf die Persönlichkeit des innovativen Unternehmers ab. Im 20. Jahrhundert gibt es diese zwar noch immer, vor allem in den Klein- und Mittelbetrieben. Dominant sind jedoch die Großunternehmen, in denen nicht Unternehmer und Eigentümer das Sagen haben, sondern eine Schicht von Managern und Aktionären, die die langfristigen Interessen der Unternehmen weniger im Auge haben als kurzfristige wie Prämien und Dividenden. Das Marktparadigma ist zum Supermarkt-Paradigma verkommen. Die Entwicklung des Finanzmarkts und dessen Verselbständigung von der Realökonomie hat das seine dazu beigetragen.

Mit dem Auslaufen der Rezession und dem Erreichen der Vollbeschäftigung muss sich der Staat wiederum ausgabenseitig zurückhalten.

Dies hat natürlich seinerseits wiederum Auswirkungen auf das Steuersystem. Liberale treten dafür ein, dass Staatsausgaben dort, wo sie nötig sind, auch getätigt werden können. Forschung, Bildung und Ausbildung, soziale und öffentliche Sicherheit sowie die Altersvorsorge gehören zu den Staatsaufgaben, vor allem auch dort, wo der einzelne nicht in der Lage ist, dafür finanziell Sorge zu tragen, auch vermehrte Schulden.

Kurz zusammengefasst:

  • Liberale sind durchaus der Meinung, dass sich Leistung lohnen muss; nicht im Gegensatz dazu steht aber soziale Verantwortung.
  • Liberale sind durchaus der Meinung, dass Staatsausgaben sorgfältig zu überprüfen sind; sie sind aber nicht der Meinung, dass investive Ausgaben etwa in Bildung, Forschung und  Entwicklung oder soziale Ausgaben, die nötig sind, über Gebühr gekürzt werden.  Sparen muss vor allem an den Verwaltungsausgaben ansetzen.
  • Liberale sind durchaus der Meinung, dass Staatsschulden nicht ins Uferlose wachsen dürfen und zurückgezahlt werden müssen; sie bestehen aber nicht darauf, dass sklavisch am sogenannten Null-Defizit festgehalten wird.
  • Liberale sind durchaus der Auffassung, dass arbeitsbezogene Steuern und Abgaben gesenkt werden müssen; sie vertreten aber die Auffassung, dass dies nicht nur durch Reduktion der Staatsausgaben erreicht werden kann, sondern auch durch die Reduktion von Steuerprivilegien und die steuerliche Gleichbehandlung aller Einkommensquellen.

Ronald Pohoryles

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KommentareTop

  1. L.S. 04.11.2009 18:40

    Bravo Ronald – es ist höchst an der Zeit.
    Denn liberal ist eben nicht libertär. Und selbst Hayek ist nicht Friedman, ebenso wenig war “anything goes” das Motto von Erhard oder Eucken.
    Das sollte man eventuell auch mal unter den Themensprechern diskutieren, denn da scheint es doch Unklarheiten zu geben.
    Oder gibt es etwa Konsens darüber, dass Unternehmen nur dazu da sind, um für die Eigentümer Gewinne zu erwirtschaften? Dann sollte man das aber auch klar sagen, meine Meinung war dass es da auch aus liberaler Sicht mehr dazu zu sagen gäbe.

    Antworten »

  2. Ronald J. Pohoryles » Blog Archive » Liberale Politik in der gegenwärtigen Krise 04.11.2009 17:52

    [...] und Zufall können einem mitunter in die Hände spielen. Ich hatte vor, auf eine Diskussion zur liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, die ich auf dem LIF-Blog angezettelt hatte, zusammenfassend einzugehen. Dies zur  Verteidigung [...]

  3. Nikokaus Chlebowsky 28.05.2009 01:10

    Ich glaube diue liberale Antwort wäre:

    Jeder sollte die Freiheit haben sich selbst so zu versichern wie er/sie glaubt.,

    Und, jeder sollte die Freiheit haben soi zu investieren wie er/sie glaubt ohne das ein Regierung den Markt stört und uns alle Geld kostet.

    Die liberale Antwort, so wie in libertas, Freiheit.

    Antworten »

    Werner Becher 28.05.2009 07:20

    Anhänger des Manchester-Liberalismus sind bei uns im LIF eher die Ausnahme und viele sehen sich als Ordoliberale und vertreten die Auffassung, dass sich die Marktwirtschaft per Definition von selbst zerstört (Korruption, Bildung von Oligopolen/Monopolen, …), wenn der Staat nicht für einen Ordnungsrahmen sorgt und diesen auch kontrolliert – sich aber selbstverständlich nicht selber als Unternehmer betätigt sondern die Wirtschaft aus privaten Unternehmen/UnternehmernInnen besteht.

  4. Nikokaus Chlebowsky 28.05.2009 01:03

    Liberale sind durchaus der Meinung, dass Staatsausgaben sorgfältig zu überprüfen sind; sie sind aber nicht der Meinung, dass investive Ausgaben etwa in Bildung, Forschung und Entwicklung oder soziale Ausgaben, die nötig sind, über Gebühr gekürzt werden. Sparen muss vor allem an den Verwaltungsausgaben ansetzen.

    Im Gegenteil werter Herr.

    Liberale sind der Auffassung das jede direkte Steuer eine From von Zwangsarbeit ist, schließlich haben sie nicht das recht meine Lebenszeit für Ihre Ideen zu opfern.

    Liberale sind der Meinung das entweder Keynes oder Hayek recht hat und das ein Kompromiß nicht möglich ist. Das könnte daran liegen das manche “Liberale” beide gelesen haben.

    “Liberale” sind der Meinung das sich die “Finanzindustrie” nur verselbstständigt hat weil die FED staatlich geplantes, staatlich preisreguliertes und nur durch staatliche Gewaltandrohung aufechterhaltenes Geld entspannt verdreifacht hat seit vom Goldstandard abgewichen wurde.

    Was Sie denken, ist obwohl volkswirtschaftlich ein wenig unentschlossen, perfekt sozialdemokratisch.

    Und das ist ok.

    Wirklich.

    Warum so tun als wär das liberal?

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    Ronald J Pohoryles 01.06.2009 15:42

    Als höflicher Mensch antworte ich natürlich, obwohl es mir hier sehr schwer fällt. Politische Diskussion setzt eine Grundahnung von politischer Theorie voraus, ein wenig Ökonomie kann auch nicht schaden.
    Zur liberalen Aufklärung empfehle ich etwa eine Blick auf die Homepage der Liberalen http://www.eldr.eu, die wohl einigermaßen authentisch den politischen Liberalismus vertritt. Dort gibt es lesenswerte Papiere zur Finanzkrise. Viel Spass und Nachdenklichkeit bei der Lektüre.
    Die von mir vertretenen Position sind zwar nicht identisch mit denen von John Maynard Keynes, einem hervorragenden Mitglied der britischen Liberal Party, nicht etwa der Labour Party, aber durchaus von ihm beeinflusst.

    Austrian 02.06.2009 13:08

    Beim LIF scheint es recht viele Sozialwissenschaftler zu geben, aber nur wenige Wirtschaftswissenschaftler. Oder irre ich mich? Woran liegt’s?

    Ira 02.06.2009 13:14

    Es gibt auch die Kombi – ich bin Wirtschafts- und Sozialwissenschafterin!

    Werner Becher 03.06.2009 08:49

    … und ich bin kein Wissenschafter sondern Wirtschafts-Praktiker …

  5. Peter Koen 25.05.2009 22:01

    Wie sieht Ihre Haltung (bzw. generell die der Liberalen) bezgl. der Steuerbefreiung von Arbeit und Investitionen (bzw. jeglicher heute besteuerter Einkommensquelle) im Tausch gegen Besteuerung von verursachten Naturalkaptialkosten (bspw. Umweltverschmutzung, soziale Kosten, Lebensraumverbrauch, etc…)?

    Im Detail bin ich der Meinung, dass mit dem derzeitigen Model Arbeitsleistung „bestraft“ wird und auch Innovation gebremst wird. Es liefert jungen, innovativen Arbeitskräften ein Anreiz sich nicht in Österreich zu entfalten. Ich selbst bin ein gutes Beispiel dafür da ich doch einige Zeit in den USA gelebt habe, da eine entsprechende wirtschaftliche Entfaltung in Österreich viel mühsamer ist.

    Würde jedoch Arbeitsleistung brutto für netto ausbezahlt werden wäre dies ein Model, dass Österreich einen massiven Zustrom an hochwertigen Arbeitskräften bieten würde.

    Die nötigen Mittel für Infrastruktur, Soziales und andere Staatsausgaben könnten in diesem Model durch die Besteuerung von „Schäden am Naturkaptial“ eingebracht werden. Beispielsweise nach Menge des verursachten Ausstoßes von CO2 , Produktion nicht wiederverwertbarer Stoffe, Entstehung von toxischen Nebenprodukten, bebautem Land, Einfluß auf die Biodiversität, Verbrauch von Energie aus fossilen Brennstoffen, etc.

    Eine Besteuerung dieser Art hätte zur Folge, dass sich unsere Bürger gerechter behandelt fühlen, da ja jeder das bezahlt bekommt was seine Arbeitsleistung in der Marktwirtschaft wert ist, ohne eine scheinbare Bestrafung des Erfolgs durch den Staat. Anstellungskosten und –risiken für Unternehmen könnten damit massiv gesenkt werden. Weiters würde dies Unternehmen zwingen gewisse Tätigkeiten die derzeit eventuell maschinell und umweltverschmutzend erledigt werden wieder auf menschliche, umweltschonendere Arbeit umzustellen. Dies hätte eine höhere Beschäftigungszahl zur Folge, sowie eine nicht zu unterschätzende Zuwanderung von hochwertigen Arbeitskräften aus dem Ausland.

    Durch eine Umstellung der Pensionsvorsorge auf ein steuerbefreites, Investment basierendes System mit verpflichtendem prozentuellen Anteil des Gehalts, aber unter persönlicher Kontrolle (ähnlich dem 401(k) in den USA) könnte auch die Last des Sozialsystems auf die Staatskassa gesenkt werden.

    Ein weiterer, meiner Meinung nach sehr wichtiger Bestandteil dieses Systems wäre der Innovationsdruck auf Unternehmen: Entwicklung von moderneren, reineren Verfahren reduziert automatisch die Steuerlast und somit die Kosten und bietet damit ein verbessertes Verhältnis zw. Forschungsinvestition und wirtschaftlichem Ergebnis.

    Antworten »

    Miriam 26.05.2009 10:33

    Ich würde nicht zur Steuerbefreiung – wie Sie – aber für niedrigere Steuern auf Arbeit plädieren. Bezüglich Investitionen bin ich auch der Meinung, daß hier dringender Handlungsbedarf in Österreich besteht, um die Forschungsfreudigkeit und Entwicklungstätigkeit junger und älterer Firmen anzukurbeln.

    Im Gegensatz zu Ihnen glaube ich allerdings, daß zur Gegenfinanzierung der Staat bei sich einsparen muß und hier Möglichkeiten bestehen. Eine einfachere Verwaltung könnte hier ein gewaltiges Sparpotential ergeben. Jede neue Steuer würde ich dahingehend hinterfragen, in welche Richtung der Staat die Bürger lenken will (was er nur in sehr eingeschränktem Maß tun sollte). Jede Steuer ist aber ein Eingriff, den man sich genau überlegen sollte.

    Einerseits wollen sie mehr Menschen arbeiten lassen, andererseits innovativere Methoden entwickeln lassen – das ist wohl ein Widerspruch in sich. Menschliche Arbeitsleistung kann mitunter auch bedeuten, daß die produzierten Teile wesentlich teurer werden. Außerdem stellt sich die Frage, warum wir Menschen arbeiten sollten, wenn uns Maschinen entlasten können? Das hat mitunter auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit, weil durch schwere Arbeit entstehende körperliche Verschleißerscheinungen die Menschen schneller altern lassen.

    Aus meiner Sicht geht es daher eher in die Richtung, nicht nur Erwerbstätige abzusichern, sondern auch Menschen, die nicht im Erwerbsleben stehen. Das soziale Netz zu schließen und die Arbeit in unserer Gesellschaft neu zu bewerten.

    Peter Koen 26.05.2009 17:52

    Menschliche Arbeit und Innovation stehen durchaus nicht im Widerspruch. Es sollte idealerweise in eine Richtung gehen die schwere oder praezise Arbeit maschinell unterstuetzt aber den kreativen und intellektuellen Teil der Arbeit beim Menschen laesst.
    Ausserdem empfinde ich auch in einer hochtechnisierten Gesellschaft ein handgefertigtes Moebelstueck von einem Tischler als etwas sehr wertvolles.

    Mir geht es vorallem darum, dass mit dem derzeitigen Steuersystem eigentlich produktives, innovatives und vorallem wertschaffendes Arbeiten massiv verhindert wird um den Status Quo einer ueberalterten und nicht mehr zeitgemaessen Regierungsmasse aufrechtzuerhalten.

    Mein oben beschriebener Steueransatz ist ein radikaler Denkanstoss – quasi zum wachruetteln – in der Praxis ist ein gemaessigter Mittelweg mit einer entsprechend langen Uebergangsphase notwendig.

    Am ehesten kann ich mir eine Kombination aus geringer Flat Tax (10-15%) mit einer Naturalkapitalsteuer bei gleichzeitiger massiver Reduktion und Vereinfachung des Verwaltungsoverheads als denkbaren Weg fuer die Zukunft vorstellen.

  6. Austrian 21.05.2009 13:33

    @Ronald J. Pohoryles:

    Leider konnte ich im Internet Keynes’ Rede “Am I a Liberal” nicht finden. Ich fand jedoch eine Zusammenfassung dieser Rede:

    http://www.keynes-gesellschaft.de/Hauptkategorien/LebenWerk/Aufsaetze/B1Keyneslib.html

    Ich nehme an: Wenn es sich um die Keynes-Gesellschaft handelt, dann ist sie pro Keynes eingestellt. Der Autor dieser Website wird also nicht die Absicht haben, Keynes zu diffamieren.

    Ich zitiere:

    “Es war sein [Keynes'] Werk, das wie kein anderes im 20. Jahrhundert dazu beigetragen hat, die alten liberalen Ideen von der Überlegenheit einer staatlich möglichst unbeeinflussten und sich selbst überlassenen Wirtschaft in Frage zu stellen.

    Keynes liefert in seinem Beitrag alles andere als ein liberales Bekenntnis ab. Er gibt zunächst zu erkennen, was ihn hindert, sich der konservativen Partei oder der Labour Party anzuschließen.

    Was nun den Liberalismus anbetrifft, so befasst sich Keynes kaum mit der Frage, die der Titel eigentlich erwarten lässt, nämlich wie nahe seine Überzeugungen mit denen der liberalen Partei übereinstimmen. Er dreht vielmehr den Spieß geradezu um, indem er die ihm zu seiner Zeit wichtigen Fragen benennt, seine Antworten darauf andeutet und die liberale Partei gleichsam auffordert, sich von liebgewordenen, aber nicht mehr in die Zeit passenden Vorstellungen zu verabschieden und sie einlädt, sich diese seine Antworten zu eigen zu machen.”

    Conclusio: Keynes war keineswegs ein Liberaler. Er hat sich dieser Partei nur angeschlossen, weil ihm die Alternativen (Konservative und Sozialisten) nicht zusagten.

    Antworten »

    Ronald J Pohoryles 23.05.2009 00:33

    @ Austrian

    Keynes war Mitglied der Liberalen Partei, und zwar aktives. Nicht zuletzt deshalb ist sein Bild heute noch im Liberalen Club im Royal Horseguard zu sehen, und die britischen Liberalen halten ihn durchaus in Ehren. Er war als Liberaler Hauptverhandler für die Bretton Woods-Abkommen 1944, die zur Errichtung der Weltbank und des IMF führten.

    Wenn seine Anerkennung bei der Liberalen partei und seine Mitgliedschaft dort für “Austrian” nicht als “liberales Bekenntnis “, dann kann ich auch nicht weiterhelfen. Übrigens: Auf der Homepage der ELDR, “Austrian” hoffentlich liberal genug, findet sich das Programm der britischen Liberaldemokraten zur Krise. Kennt man Keynes, so erkennt man die Handschrift.

  7. Austrian 19.05.2009 15:00

    Völlig richtig – Smith und Keynes sind obsolet. Die Lösungen für die Probleme der heutigen Zeit finden sich in der “Österreichische Schule der Nationalökonomie” und der Praxeologie des Ludwig von Mises.

    Antworten »

    Ronald J Pohoryles 23.05.2009 00:36

    Vorschlag: Ein wenig auf der Seite der ELDR schmöckern. Die so gerühmte “Praxeologie” von Hayek’s und von Mieses haben recht direkt in den Crash von 1929 geführt (Dazu Galbraith klassische Studie zum Crash von 1929). Findet man vielleicht nicht im Internet, aber dafür in Buchhandlungen. Bücher lesen bildet…

    Austrian 25.05.2009 20:21

    Danke, ich werde mir die Bücher zulegen.

    Zum Thema “Crash von 1929″ hätte ich aber auch eine Internetseite anzubieten:

    http://www.axiomaticeconomics.com/MisesHayek.php

    Zitat: “As early as 1924, Mises was convinced that an economic crisis was coming. Based on his path-breaking Theorie des Geldes book, Mises realized that the easy-credit policies of the central banks would lead to disaster under an international gold standard.”

  8. Martin 14.05.2009 15:02

    Keynes hatte einst Probleme, dass seine Theorien akzeptiert werden. Deshalb schrieb er in “General Theory”: “Die Schwierigkeit liegt nicht in neuen Ideen, sondern darin, alten Ideen zu entkommen, deren Verästelung sich in allen Ecken unseres Geistes festgesetzt haben.”
    Kann es sein, dass heutige Ökonomen lieber auf alt bewährtes zurückgreifen? Und kann es sein, dass deshalb Ökonomen mit neuen Theorien nicht wirklich gehört werden?
    Keynes war angeblich gesellschaftlich in den besten Kreisen vertreten und hatte auch die Möglichkeit über Zeitungsartikel und Radio seine Ideen bekannt zu machen. Das und seine rethorischen Fähigkeiten, Theorien ohne wissenschaftliche Überheblichkeit und Wortwahl zu erklären, halfen ihm, sich in einer Krisenzeit durchzusetzen. Dieser Ökonom fehlt uns heute. Einer der die geänderten Bedingungen der Zeit entsprechend interpretiert und daraus moderne (liberale) Lösungen hervorbringt.

    Antworten »

    Inge B. 15.05.2009 08:02

    Dieses Zitat von Keynes ist gut. Es zeigt nicht nur, wie schwierig es ist, neue Ideen für Ökonomen oder andere visionäre Geister zu etablieren, sondern auch solche zu kreieren. Auch für uns Liberale ist es in dieser österreichischen politischen Kultur schwierig, die alten Denkmuster zu verlassen und auf Basis unserer Werte neue Positionen zu finden. Für uns alle ist es völlig normal, vom Sozialsystem – von der Wiege bis zur Bahre – umhegt und umpflegt zu werden.
    Erst als nächsten Schritt müssen wir andere von unseren Positionen überzeugen.

  9. Ronald J Pohoryles 12.05.2009 11:06

    Glück und Zufall können einem mitunter in die Hände spielen. Ich hatte vor, auf die Diskussion zusammenfassend einzugehen und zu einer Verteidigung von Volkswirtschaftstheorie und Politikwissenschaft anzutreten. Als Teilnehmer beim derzeit in Bergen stattfindenden World Social Science Forum hatte ich Gelegenheit, kurz mit dem Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen zu plaudern, der hier die Eröffnungsrede hielt. Er machte mich auf einen jüngst von ihm publizierten Artikel in der “New York Review of Books” (Ausgabe vom 26 März 2009) aufmerksam, der sich mit der aktuellen Diskussion um die Krise beschäftigt und der zugleich die Aktualität der Wirtschaftstheorien belegt. (”Capitalism Beyond the Crisis”). Der Artikel ist hier besonders wichtig, weil er nicht vor 250 Jahren (Smith) oder 75 Jahren (Keynes, Pigou) entstanden ist, sondern im Vorjahr.
    _____

    1. Sen schlägt in seinem Artikel vor, Überlegungen zu kurzfristigen Maßnahmen von längerfristigen Strategien zu trennen; diese Verwechslung erzeugt häufig Verwirrung in der Diskussion. Kurzfristig geht es um die Wege aus der aktuellen Krise, langfristig um die Neuorganisation einer auf Markt und Institutionen basierenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.

    2. Es ist wohl unbestritten, dass wir gerade in einer entwickelten Wissensgesellschaft auch Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik wissensbasiert (und auf Grundlage unserer Werte) konzipieren sollten. Deshalb ist Sens Argument schlüssig, dass wir sowohl die Natur der aktuellen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme und ihrer aktuellen Krise als auch, und zwar darauf basierend die ökonomischen Theorien auf ihre Aktualität untersuchen sollten.

    3. Grundzüge eines kapitalistischen Systems sind freie Marktwirtschaft und Privateigentum sowie das Streben der Menschen nach Gewinn. Entgegen populären Argumenten radikaler Marktwirtschaftler aber ist der Markt keinesfalls die einzige Institution, die die moderne Wirtschaft und Gesellschaft leitet: Zum einen bedarf es öffentlicher Leistungen (Bildung, Gesundheit, Sicherheit, öffentlicher Verkehr), die außerhalb des Marktes garantiert sein müssen. Zum anderen bedarf es, neben dem Motiv des eigenen Nutzens und des Gewinnstrebens, auch sozialer Werte – wie insbesondere Vertrauen zwischen den Marktakteuren und soziale und ökologische Verantwortung.

    4. Hier kommt auch die Frage der Psychologie der Marktakteure zum Tragen. Es ist evident, dass die gegenwärtige Krise ihren Ausgangspunkt nicht in der Realökonomie, sondern im Finanzmarkt genommen hat; ein Versagen des Markts ebenso wie ein Staatsversagen. Das Staatsversagen hat sich paradoxerweise aus einem überhöhten Vertrauen in die Selbstreinigungsfähigkeit des Markts entwickelt: Inder gleichen Zeit, in der sich spekulative Finanzprodukte aller Art entwickelt hatten, zog sich der Staat – im besonderen in den USA – aus seiner Rolle als Regulator und Kontrolleur zurück; eine Rolle, die auch die meisten marktwirtschaftlich orientierten Ökonomen ebenso wie die meisten Liberalen dem Staat durchaus zuerkennen.

    5. In der aktuellen Krisensituation bleibt den Staaten nichts anderes über, als den Zusammenbruch des Systems zu vermeiden. Ohne die massiven Staatsinterventionen wäre es wohl zu jener großen Depression wie in den 30er Jahren gekommen, die letztlich in Europa zu einem Niedergang der Demokratie in Europa und wohl auch mit zum 2. Weltkrieg geführt hat. Die Auslöser dieser Krise hat John K. Galbraith in seiner 1954 erschienenen und 1975 überarbeiteten Studie “The Great Crash 1929″ beschrieben, die wohl kaum zufällig jetzt wieder bei Penguin Book neu aufgelegt wurde. Das Buch ist auch ohne ökonomische Vorkenntnisse gut lesbar und kommt einem angesichts der gegenwärtigen Situation recht vertraut vor. Damals ist zu spät erst darauf reagiert worden, und die amerikanische Wirtschaft hat sich erst sehr langsam – im Zuge des Kriegsbooms – davon erholt, Europa überhaupt erst im Nachkriegsboom. Roosevelts Sozialprogramm kam zu spät um kurzfristig zu wirken, obwohl es langfristig gesehen durchaus wichtig war: Die Abwärtsspirale dreht sich schnell.

    6. Sen weist überzeugend nach, wie sehr sich schon die Klassiker (vor einem Vierteljahrtausend bzw. vor einem Dreiviertel-Jahrhundert) mit den heute aktuellen Problemen beschäftigt haben. Schon Adam Smith hat auf die Bedeutung des Finanzsystems hingewiesen, das er von Verschwendern und Blendern (”prodigals and projectors”) bedroht sah. Markt basiert auf Vertrauen in die Einhaltung von gegenseitigen Versprechen; ist dieses Vertrauen nicht gegeben, hilft auch eine auf Wettbewerb und Privateigentum basierende Ökonomie nicht aus der Krise, beziehungsweise führt sie in eine solche und verschärft sie. Schon Smith hat das Problem der nicht-funktionierenden Finanzmärkte bei fehlendem Vertrauen unter den Marktakteuren erkannt (vor einem Vierteljahrtausend!).
    7. Smith hat auch auf die Notwendigkeit von anderen Mechanismen als dem Markt in bezug auf soziale Gerechtigkeit verwiesen. Smith beschäftigt sich explizit auch, neben seinem Beharren auf der Effizienz des Markts, mit jenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen, die der Markt nicht lösen kann. Er ist explizit für die Verantwortung des Staats für öffentliche Leistungen und für öffentliche Armutsbekämpfung eingetreten.
    8. Smith hat also zusammenfassend als Ökonom die Bedeutung des Markts ebenso anerkannt wie die Zusatzbedingungen, unter denen ein Markt nur funktionieren kann: In einem institutionellen System, in dem der Staat seine Aufgaben in Bildung, Forschung, Gesundheit, Sicherheit, etc. erfüllt und durch eigene Institutionen einen rechtlichen Rahmen und Kontrolle der Finanzmärkte sicherstellt.
    9. Was Keynes betrifft, lässt sich aus heutiger Sicht wenig gegen seine Aktualität sagen, soweit es einerseits die Notwendigkeit der Rückzahlung von Schulden in der Phase der Hochkonjunktur und andererseits öffentliche Investitionen in Phasen der Rezession betrifft; das ist kein Gegensatz zur Stimulierung privater Investitionen oder der nötigen Verwaltungsreformen, die ein hohes Einsparungspotential besitzen.
    10. Arthur Cecil Pigou, Kollege am Kings College in Cambridge und Rivale von John M. Keynes, hatte ich in meinem letzten Beitrag zu erwähnen vergessen (für einen Blog-Eintrag war mein letzter ohnedies zu lang). Er hat, in Weiterentwicklung von Adam Smiths Gedanken, auf die Bedeutung der Wirtschaftspsychologie hingewiesen. Der Wirtschaftsprozess wird, jedenfalls kurzfristig auch von psychologischen Fehleinschätzungen von Wirtschaftslenkern in Politik und in der Privatwirtschaft beeinflusst, durch unberechtigten Optimismus bzw. Pessimismus (”errors of undue optimism or undue pessimism”). Ein Blick auf die Entwicklung der Börsen, auf die restriktiven und überteuerten Kredite (trotz öffentlicher Unterstützung der Banken und Absenken der Leitzinsen durch die Zentralbanken!) zeigen die Aktualität von Pigous Theorie. Pigou, selbst durchaus konservativ, hat im übrigen soziale Ungleichheit als wesentlichen Indikator für die Leistung des Wirtschaftssystems herangezogen: Zu hohe Ungleichheit ist nach Pigou ein Indikator für schlechte Wirtschaftspolitik.
    11. Haben Wirtschaftstheorie und Politikwissenschaft also keine Antworten auf die gegenwärtige Krise? Sicherlich, es gibt neue Elemente in der aktuellen Situation:
    11a. Die Verselbständigung der Finanzmärkte, die unter anderem zur Folge haben, dass nur 7% des im Umlauf befindlichen Geldes “real” ist; der Rest ist reines Buchgeld.
    11b. Das Eigentümer-Manager-Aktionär-Paradox: Eigentümerinnen und Eigentümer haben im Unterschied zu Managern und Aktionären langfristige Interessen; es zeigt sich auch, das wesentliche Innovationen eher von Klein- und Mittelbetrieben kommen, die aber ihrerseits unterkapitalisiert sind.
    11c. Diese Probleme werden in der traditionellen Ökonomie zu wenig beachtet (kommt auch meines Wissens bei Sen nicht vor).
    12. Relativiert dies die Bedeutung der Volkswirtschaftstheorie und der Sozialwissenschaften? Meiner Meinung nach nicht. Nach wie vor sind die Grundzüge bedeutsam, und die analytischen Instrumente relevant. Sie sind Voraussetzungen für eine rationale Wirtschaftspolitik, ohne freilich das politische Element zu behandeln, das auf Werten basiert; die Frage etwa, wie viel gesellschaftliche Ungleichheit akzeptabel ist, welche Form der Grundsicherung adäquat ist, etc., sind wertbasierte Fragestellung, die wissenschaftliche Theorien nicht beantworten können: Es sind Grundfragen, die aus Menschen- und Gesellschaftsbild beantwortet werden. Effiziente Wirtschaft ist nur ein Instrument zur Umsetzung gesellschaftspolitischer Vorstellungen.
    13. Gleichbehandlung aller Einkommensquellen ist übrigens eine wesentliche Forderung liberaler Wirtschaftspolitik, die unterschiedlich ausgestaltet sein kann. Ich kann mich der Forderung nach einer Flat Tax nicht anschließen; progressive Besteuerung scheint mir sozial sinnvoller zu sein: die Leistungsträger verdienen dann trotzdem durchaus wesentlich mehr als die anderen. Eine negative Einkommenssteuer für die ärmere Bevölkerung hat ein wirksames und unbürokratisches Element der Grundsicherung sein, wie sie im liberalen Grundsatzprogramm angedacht ist und gegenüber dem gegenwärtigen Steuersystem deutlich unaufwändiger ist. Gemeinsam mit einer Reform, die auch die Sozialabgaben als Steuer einhebt und die unsinnige aufwändige Sozialbürokratie, die als “Selbstverwaltung” maskiert wird, wäre so eine deutliche Einsparung öffentlicher Ausgaben zu erzielen.
    14. Es sollte uns bewusst werden, dass vernünftige politische Rezepte auf der Grundlage von Wissen entwickelt werden müssen und nicht aus Schlagworten entstehen können. Kein Mensch wird vernünftigerweise bereit sein, eine Operation durchzuführen, ohne medizinische Grundkenntnisse zu haben. Ähnliches gilt für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Deshalb danke ich Ruth ausdrücklich für ihre Forderung nach einer liberalen Akademie.

    Antworten »

  10. Ira 12.05.2009 04:53

    Auch ich bin kein Fan von Keynes, auch wenn meine Keynes´sche Hauptkritik zugegebenermaßen nicht ihm, sondern seinen Fans und deren Subventionspolitik gilt. In jeder Krise werden Subventionen beschlossen, um durch schnelle Baumaßnahmen Arbeitsplätze zu schaffen. Das mag vielleicht vor Jahrzehnten so funktioniert haben und zu schnellen positiven News führen, allerdings ist das eine Strategie, die für die heutige Zeit zu kurzsichtig ist. Kurzfristig Arbeitsplätze, langfristig ein Bauwerk.

    Für mich weisen diese Baumaßnahmen in der Wirtschaftskrise keine Nachhaltigkeit auf. Meiner Ansicht nach, müßte laufend in Bildung und F&E investiert werden, um langfristig volkswirtschaftlich davon zu profitieren. Als Land mit hohen Arbeitskosten liegt unsere Chance darin, uns mit Forschung einen Vorsprung zu schaffen, die Anzahl von Patenten zu erhöhen, im Dienstleistungsbereich top zu sein, in einer wirtschaftsfreundlichen Umgebung neue Unternehmen wachsen zu lassen, die mit Privatkapital ausgestattet Chancen nutzen.

    Es wäre meiner Ansicht aber auch Aufgabe der Politik, nicht nur Steuergeld für Projekte flüssig zu machen, sondern auch privates Kapital. Es muß nicht jeder Bau ausschließlich vom Steuerzahler bezahlt werden. Warum sollte nicht einmal ein IBM-Museum oder eine BMW-Strasse entstehen, finanziert z.T. mit privatem Geld. Warum soll nicht einmal eine private Brücke gebaut werden, die wir mit einer Maut mitfinanzieren.

    Du schreibst:
    • Liberale sind durchaus der Meinung, dass sich Leistung lohnen muss; nicht im Gegensatz dazu steht aber soziale Verantwortung.
    Völlig da core. Ich bin für eine lautstarke Leistungsdebatte, weil Leistung in unserer Gesellschaft leider zum Unwort verkommt.

    • Liberale sind durchaus der Meinung, dass Staatsausgaben sorgfältig zu überprüfen sind; sie sind aber nicht der Meinung, dass investive Ausgaben etwa in Bildung, Forschung und Entwicklung oder soziale Ausgaben, die nötig sind, über Gebühr gekürzt werden. Sparen muss vor allem an den Verwaltungsausgaben ansetzen.
    „Über Gebühr“ ist keine greifbare Größe. Ich denke, daß soziale Ausgaben für jene gekürzt werden müssten, die sich selbst erhalten können. Das Gießkannenprinzip für diverse Sozialleistungen behagt mir überhaupt nicht.
    Bei F&E denke ich, daß hier ein Grundkonzept, eine Strategie fehlt, wohin es in Sachen Grundlagenforschung gehen soll. Es kann eigentlich nicht sein, daß man von heute auf morgen aus einem gemeinschaftlichen Projekt aussteigt, in das man jahrelang investiert hat. Das ist kopf- und strategielos. Sich von Forschung abzukoppeln, nicht offen über Forschung im Bereich Kern- und Teilchenphysik, Genetik oder sonst irgendwelche Forschungszweige zu diskutieren, halte ich für gefährlich und rückwärtsgewandt.

    • Liberale sind durchaus der Meinung, dass Staatsschulden nicht ins Uferlose wachsen dürfen und zurückgezahlt werden müssen; sie bestehen aber nicht darauf, dass sklavisch am sogenannten Null-Defizit festgehalten wird.
    Da core aus dem Bauch, wir sollten an einer ideologischen Argumentation arbeiten.

    • Liberale sind durchaus der Auffassung, dass arbeitsbezogene Steuern und Abgaben gesenkt werden müssen; sie vertreten aber die Auffassung, dass dies nicht nur durch Reduktion der Staatsausgaben erreicht werden kann, sondern auch durch die Reduktion von Steuerprivilegien und die steuerliche Gleichbehandlung aller Einkommensquellen.
    Diesen Punkt würde ich differenzierter diskutieren wollen. Die steuerliche Gleichbehandlung  geht das in Richtung Flat tax? Was mir fehlen würde ist, daß die Freiheit des Einzelnen im Mittelpunkt steht, das Recht auf Privateigentum anerkannt wird und Steuern kein Selbstzweck des Staates sind. Der Staat soll möglichst wenig Steuern einnehmen und sich auf seine Kernaufgaben beschränken. Gerade bezüglich der Diskussion rund um die Vermögenssteuer würde ich hier eine klare Grenze zur Substanz ziehen und ein eindeutige Position zu Erträgen herstellen.

    Als das LIF noch im Parlament war, haben wir anhand einer liberalen Matrix unsere Positionen bezogen. Probleme wurden definiert, Lösungen erarbeitet und schließlich einer ideologischen Bewertung unterzogen, d.h. wir haben uns überlegt, inwieweit die Freiheit des Einzelnen durch die Positionierung gewahrt wird, wie leistungsbezogen die Lösung ist, ob sie Wahlmöglichkeiten schafft, auf Eigenverantwortung setzt, etc. Mit dieser liberalen Matrix konnte man selbst leicht an liberalen Ansätzen arbeiten.

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  11. Ruth Winkler 11.05.2009 07:02

    Zunächst vielen Dank für das Aufgreifen des wichtigen Themas.
    Ich glaube, wir haben zum Begriff “Liberalismus” an zwei Fronten dringlichen Handlungs- (bzw. Diskussions-)bedarf:
    1. Was ist – ausgehend von einem liberalen Menschenbild – die richtige Wirtschaftspolitik, um die Werte, die wir mit diesem Menschenbild verbinden, auch erfolgreich umsetzen und schützen zu können? Hier wird zu fragen sein, was uns die “alten” Herrn von damals (Damen waren einstweilen noch nicht viele vertreten…) heute noch zu sagen haben, und was weiterentwickelt werden muss, um für die heute sehr anders dastehende Welt zu taugen. Ein Prinzip, über dessen Richtigkeit und Dringlichkeit vermutlich weitgehend Einigkeit herrscht, wird wohl die gleiche Besteuerung von Erträgen aus “Arbeit” und “Kapital” sein. Auch hier ist aber noch nicht so recht bekannt, wie man denn im Detail dorthin kommen wird. – Fragen, die bei den Klassikern unter den Theoretikern noch nicht das Gewicht von heute hatten. Auch die Art der Beteiligung von Frauen am Wirtschaftsleben sowie ihre (nicht-)Beteiligung am Kuchen der Erwerbsarbeit wurde anno dazumal noch gekonnt ausgeklammert. Dies nur als zwei Beispiele für reichlichen Bedarf der Weiterentwicklung des klassischen Gedankengerüstes. Umso wichtiger erscheint es mir aber, sich nicht vor der Arbeit des Denkens zu drücken, und die Frage, was taugt von den Klassikern und was brauchen wir zusätzlich, offensiv aufzugreifen.

    2. haben alle, die es wagen, sich “liberal” zu nennen seit der Erfindung der “Neoliberalismus”-Keule, die als undefinierter anonymer aber dafür umso böserer und bedrohlicherer Dämon durch politische wie politikwissenschaftliche Diskurse geistert, ein Kommunikationsproblem. Im Gegensatz zur älteren Strategie des LIF, am besten gar nichts dazu zu sagen, glaube ich, dass es einer SANFTEN aber konsequenten und steten Strategie bedarf, breiter als bisher zu kommunizieren: “liberal” heißt…

    Die baldige Präsentation unseres erneuerten Grundsatzprogramms wird für beide Agenden der geeignete Startpunkt sein. Beide Bereiche bedürfen sowohl der Organisation des Diskurses (wofür wir eine aktive Parteiakademie haben sollten!) als auch einer Strategie der Vermittlung an möglichst viele, die wir erreichen und zum Mitdenken und Mithandeln einladen wollen.

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  12. Martin 10.05.2009 18:01

    Leider stehen offensichtlich die heutigen Ökonomen vor unerklärbaren und unlösbaren Problemen, wenn man noch immer auf alte Theorien zurückgreifen muss, um Erklärungen und Lösungen für die heutige Wirtschaftskrise zu finden.
    Es haben sich viele Faktoren geändert, wodurch es dringend neuer ökonomischer Lösungen bedarf. Gerade liberale Ökonomen könnten jetzt Vorschläge zur Diskussion stellen. Die Liberalen in Österreich könnten mit neuen Ideen an die Öffentlichkeit gehen.
    Heute haben wir ein globales Wirtschaftsleben, das es in diesem Ausmaß zu Zeiten von Keynes und Smith nicht gegeben hat. Heute können Finanztransaktionen weltweit in wenigen Minuten getätigt werden. Der weltweite Transport hat sich vervielfacht. Die Menschen sind es gewohnt alles aus aller Welt zur Verfügung zu haben. Die Produktkosten setzen sich heute ganz anders zusammen als noch vor 80 Jahren. Auch die Abgaben der Unternehmer an das Sozialsystem haben sich verändert. Damit sind das Gesundheitssystem, die Arbeitslosenversorgung und viele soziale Unterstützungen nicht mehr mit den alten Systemen vergleichbar. Menschen in Österreich sehen es als „ihr Recht“, dass sich der Staat um sie kümmert. Egal was passiert, der Staat muss einspringen. Genau diese Selbstverständlichkeiten gehören finanziert. Auch die Anforderungen an die Infrastruktur sind enorm gestiegen. Die ÖBB hat ganz andere Anforderungen als das Gesamtsystem „Schienenverkehr“ hergeben kann. Nur 1 Zug am Tag nach Salzburg und Klagenfurt wäre wohl nicht mehr vorstellbar. Gleichzeitig ist auch der Autoverkehr enorm gestiegen. Damit verbunden ist eine riesige Industrie von Autoherstellern und –zulieferern.
    Wenn man sich heute die Wirtschaft ansieht, dann verlassen sich alle auf den Staat. Banken, Industrie und auch die Bevölkerung.
    Gerade das war am Anfang/Mitte des 20. Jahrhunderts nicht so. Da hatte jeder noch weit mehr Eigenverantwortung. Der Staat hatte weit weniger Verpflichtungen, womit aber auch die Privatpersonen schneller vor dem „Nichts“ standen als heute. Allein dieses Wissen jedes Einzelnen führte dazu, dass er sich anstrengt und mit eigener Leistung für sich selbst sorgt.
    In solchen Zeiten hatte das Thema Staatsausgaben erhöhen eine ganz andere Bedeutung. (Die Staatsausgabenquote betrug z.B. Mitte der 1920er Jahre ca. 15%, in den 50er Jahren ca. 30% (Wiederaufbau) und auch noch 1988 ca. 35%. 2008 liegen wir bei ca. 48%. – Der Staat gibt immer mehr Geld aus.) Damals hat man damit mehr oder weniger das Überleben der Menschen gesichert. Heute will man damit den Wohlstand der Menschen erhalten. Die Neuanschaffung eines Autos oder ein toller Urlaub für Arbeitslose ist heute keine Seltenheit. Natürlich wird mit dem Autokauf und der Urlaubsbuchung auch die Wirtschaft „angekurbelt“, aber geht die Rechnung auf?
    Hat der Staat eigentlich nicht schon genug Steuereinnahmen? Muss der Staat diese Einnahmen nicht einfach nur richtig verteilen?
    Ich glaube, dass wenn die Verteilung stimmt, sowohl noch enormes Einsparungspotenzial vorhanden ist und eine Erhöhung des Defizits nicht notwendig wäre.
    Die Regierung kann nicht überall Geld hineinpumpen, um ihr Gewissen zu beruhigen. Das Geld muss sinnvoll verwendet werden.
    Es muss den Menschen aber auch Gewerkschaften erklärt werden, dass der Staat nicht alles zahlen kann. Es muss klar werden, dass eigene Leistung gefordert ist und dass dies nicht immer lustig ist. Auch der Einsatz jedes Einzelnen ist für die Bewältigung der Krise notwendig. Entbehrungen sind in dieser Zeit notwendig. Aber jeder kann zur Verbesserung der eigenen Situation selbst einen Beitrag leisten. Es ist klar, dass es nicht immer leicht ist und auch nicht immer für jeden möglich ist.
    Heutzutage fehlt vielen Menschen der notwendige Kampfgeist. Die Menschen sollten stolz auf ihre Arbeit sein und sie nicht nur als Mittel zum Zweck – also Geldverdienen sehen, damit man sich die Freizeit leisten kann. Das sind aber die Errungenschaften der heutigen Zeit. Man sollte es aber jeden freistellen wie viel er arbeiten möchte. Wer mehr Wochenstunden möchte, kann dies haben und wird dafür auch entsprechend entlohnt. Wer mit flexiblen Arbeitszeiten kein Problem hat und je nach Bedarf zur Verfügung steht, soll auch entsprechend verdienen. Wer einfach nur fix geregelte Arbeitszeiten möchte und für Überstunden u.a. nicht bereit ist, wird eben entsprechend niedriger entlohnt, hat aber dafür ein geregeltes Arbeitsleben.
    Grundsätzlich könnten Unternehmen mit flexiblen Arbeitnehmern Krisen wie heute wesentlich leichter bewältigen und man müsste keine Kurzarbeit beantragen und das AMS, der Staat müsste dafür nicht auch noch Geld ausgeben.
    Doch da gibt es ein Problem. Die Menschen gehen immer mehr langfristige Zahlungsverpflichtungen ein. Wurde in den 70ern noch fast jedes Auto bar bezahlt, so ist es heute normal, das Fahrzeug zu haben, das man sich eigentlich nicht leisten kann, aber dafür gibt es ja Leasing. Häuser werden auf Kredit gebaut und niemand weiß eigentlich, ob er in 10 Jahren noch einen Job hat. Mit der notwendigen Einschränkung, kann man aber mit der Arbeitslosenzahlung den Kredit rückzahlen. D.h. der Staat und somit die Allgemeinheit zahlt das Haus. Wäre es nicht vernünftiger zuerst zu sparen und sich dann das Haus zu bauen/kaufen? Müssen heute alle alles sofort haben. Ist die Gier so groß geworden? Oder haben sich ganz einfach nur die Zeiten geändert?
    Blöd für jene, die gewissenhaft ihr Geld ausgeben und dann sicherheitshalber etwas bescheidener leben und dafür mit deren Arbeit die überzogenen Schulden der anderen begleichen.
    Soziale Verantwortung, ja. Sicherung des Wohlstands in vernünftigem Maß, ja. Aber keine Stützung von übertriebenen privaten Investitionen. Der Staat kann eine Grundsicherung übernehmen aber mehr auch nicht. Vielmehr muss er Rahmenbedingungen schaffen, die es jeden einzelnen möglich machen, sein berufliches Leben entsprechend seiner Vorstellungen zu erhalten.
    Die Wirtschaft soll ebenfalls eine gewisse Unterstützung in schwierigen Zeiten erhalten. Aber auch hier muss mit Bedacht vorgegangen werden. KMU’s werden allzu oft vom großen Topf ferngehalten.

    Das sind ein paar kurz gefasste Gedanken aus den sich für mich geänderten Lebensbedingungen der heutigen Zeit. In dieser Zeit können Smith, Keynes und Hayek höchsten eine kleine Orientierung sein, aber die Theorien, die in deren Zeit entstanden sind, sind für die heutige Zeit nicht mehr anwendbar. Letztlich durch die viel zu geringe Eigenverantwortung der Menschen. Der Staat ist mehr gefordert und muss mehr ausgeben um diese Passivität zu unterstützen. Diese passiven Menschen sind nämlich die Wähler und so lange sie vom Staat unterstützt werden, werden sie das ausnutzen. Wir entwickeln uns so immer mehr zu einer Umverteilungsgesellschaft. Der Staat nimmt sich immer mehr von der leistungsbereiten Gesellschaft und verteilt es unter jenen, die zu dieser Leistung nicht bereit sind. Die wirklich sozial bedürftigen Personen sollen und müssen aber auf jeden Fall unterstützt werden.
    Das Schwierigste scheint mir, den bequemen Menschen den liberalen Gedanken zu vermitteln und ihn zur Eigeninitiative zu bewegen.

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  13. mind the gap 09.05.2009 13:04

    Das Beachten von Vertretern des Liberalismus in der Geschichte ist ansich kein Fehler, zumindest solange man nicht den Kontext ihrer Ideen vernachlässigt.
    Für einen sein Leben lang “im Haus” eingesperrten Mensch besteht Liberalismus in der Möglichkeit sich frei durch die Stadt bewegen zu dürfen.
    Für einen sich bereits frei bewegenden Mensch, besteht Liberalismus vielleicht bereits in einem eigenen Einkommen.
    Für einen Menschen mit eigenem Einkommen, besteht Liberalismus vielleicht im Erwerb von Eigentum.
    usw!
    wenn sich Politik ~100 Jahre später immer noch an Ideen, die zur Zeit von Monarchie und Totalitarismus niedergeschrieben wurden, orientieren will, ohne diese weiterzuentwickeln, wäre dies gelinde gesagt traurig.

    Antworten »

    Werner Becher 09.05.2009 14:00

    Da hast Du absolut recht, aber um sich WEITERentwickeln zu können, schadet es nicht, das bereits vorhandene intellektuelle und ideologische Wissen nicht zu vergessen, um nicht ala täglich grüsst das Murmeltier immer von Vorne beginnen zu müssen. Viele Punkte in den Theorien von Keynes, Smith, Hayek und der vielen anderen liberalen Vordenker, sind heute nicht mehr anwendbar oder haben sich teilweise auch als falsch herausgestellt. Gerade die aktuelle Krise zeigt, dass man innerhalb weniger Monate gezwungen sein kann, sein Weltbild zu hinterfragen und adaptierte Modelle zu entwickeln.

    Auch wenn wir die Marktwirtschaft nicht wie unser politischer Mitbewerb als gescheitert betrachten – Karl Marx hatte das ja schon vor 150 Jahren vorhergesagt und unsere linken Freunde stört die dabei auch die “kleine” Verzögerung seiner Vorhersage nicht wirklich :-)

    Wir denken intensiv über liberale Modelle für das 21. Jh nach, denn wir wollen und können die Welt ja nicht dem rechten Mob, marxistischen Sozialisten, grünen Träumern und konservativen Bremsern alleine überlassen!

    Ronald J Pohoryles 09.05.2009 17:42

    Hier handelt es sich wohl um ein Missverständnis: Selbstverständlich ist der Kontext wissenschaftlicher Überlegungen zu beachten. Theoretische Grundannahmen sind in Hinblick auf aktuelle Problemstellungen zu überprüfen; das zu erläutern, war der Vorschlag meines Beitrags.
    Ein Blogbeitrag kann nicht zu allen gesellschaftlichen Problemstellungen Stellung nehmen. Es ist evident, dass sich individuelle Lebenslagen in unterschiedlichen Freiheitswünschen äußern, zB. Ihr Beispiel der individuellen Mobilität. Das war aber nicht das Thema des Beitrags. Der Beitrag beschäftigt sich mit wirtschaftspolitischen Fragenstellungen, dem Verhältnis von Markt und Staat und der Legitimität von Staatsinterventionismus.
    Zum Kontext: Wir fragen nach der Lösung der gegenwärtigen Probleme der Marktwirtschaft. Unstreitig ist, dass sich Marktwirtschaft weltweit als Erfolgsmodell durchgesetzt hat. Es geht aber um die Frage, welche Form der Marktwirtschaft.
    Es handelt sich bei meinem Beitrag keinesfalls darum, dogmatisch an Theoriegebäuden festzuhalten; vielmehr darum, eine aktuelle Debatte in den Zusammenhang mit durchaus aktuellen und praktisch angewandten Politiken zu stellen. Die Fragen sind ganz praktisch: Wie lösen wir die aktuelle Krise? Sind die Massnahmen der Regierungen und der Zentralbanken die richtigen? Letztlich basiert Wirtschaftspolitik auf wissensbasierten Entscheidungen. Und hier geht es eben um theoretische Annahmen: Geldmengensteuerung: Erhöhung der Zufuhr oder nicht? Staatsverschuldung: Passen die Maastricht-Kriterien auf die gegenwärtige Situation oder nicht? Welches Steuersystem benötigen wir, um eine gerechte Gesellschaftsordnung zu ermöglichen, ökologischen und demokratischen Ansprüchen zu genügen und zugleich wirtschaftliche Effizienz zu erhalten?

    mind the gap 10.05.2009 11:33

    Soweit ich den Beitrag lese, geht es darin um liberale Standpunkte, welche über Hayek und Keynes abgeleitet werden. Es wird keine Kritik/Analyse ihrer Standpunkte und insbesondere ihrer Grundannahmen/Ausgangspunkte durchgeführt. Im Gegenteil, es wird betont dass Keynes ein Liberaler war.
    Ich denke also nicht, dass es sich um ein Missverständnis handelt.
    Mir ist bewusst, dass nicht die Intention besteht “dogmatisch an Theoriegebäuden festzuhalten”, aber genau dies ist im Endeffekt der Fall. Der Grund liegt in der Verschachtelung von Ansätzen/Theorien in Ansätzen/Theorien. Man bemerkt gar nicht, dass die Diskussion durch den Rahmen einer übergelagerten Theorie begrenzt wird.
    Die Frage der “Geldmengensteuerung” ist hierführ vielleicht ein Beispiel, denn es ist eine alte Debatte, welche erfolglos geführt wird, ohne dass sie jemand hinterfragt und alternativ beleuchtet.
    Es wird im Kreis gelaufen, weil ständig auf alten Theoriegebäuden aufgebaut wird, welche selbst ebenfalls auf Theoriegebäuden aufgebaut haben. Und selbst ein Ausbrechen aus diesen Subtheorien führt wieder nur zu einer neuen Subtheorie auf Basis derselben alten Ausgangspunkte. Niemandem scheint dies, selbst nach all den Jahren gescheiterter Versuche, aufzufallen. Keiner verlässt (im Sinne meines vorherigen Kommentars) das Haus, um sein Weltbild und seine Vorderungen neu anzupassen. Wie ich sehe auch nicht die Liberalen, von denen ich es noch am ehesten erwarten würde.
    Ein neue Analogie als Anreiz: In einer Welt in der es nur Gabeln und Löffel gibt, mag ein Mensch den neuen Ansätz entwickeln, sein Essen vorher in kleine Stücke zu zerteilen. Solange er jedoch nicht auch das Messer entwickelt, wird er immer wieder auf große Probleme stoßen.
    Anderen Menschen ergeht es gleich, egal wie ausgefallen die von ihnen entwickelten Methoden des Zerteilens sein mögen.
    Wird das Messer eingeführt, verschwinden die Probleme, und auch die entwickelten Methoden können plötzlich voll ausgeschöpft werden.
    - Die Grundessenz meiner Kommentare hier ist also, dass Ihr Blick in die Vergangenheit gut, und die angestrebte Diskussion der Methoden besser ist. Solange jedoch nicht auch “das Besteck” hinterfragt wird, wird sich die Geschichte einfach nur in einer etwas abgewandelten Form wiederholen.

  14. Werner Becher 09.05.2009 11:38

    Super Darstellung Ronny, auch wenn ich nicht im gleichen Ausmass wie Du ein Fan von Keynes bin. Meiner Meinung nach sollte der Staat auch in Zeiten einer Rezession (wie derzeit) seine Investitionen mit hart von den Bürgern erarbeiteten Steuergeldern nur in sehr beschränkten Ausmass erhöhen, da ich auch hier eher dem Markt vertraue, als leider in der Praxis sehr oft fachlich wenig kompetenten Politikern und Bürokraten.

    Alternativ zu höheren Staatsausgaben kann der Staat in schlechten Zeiten auch seine Einnahmen reduzieren = die Steuern und Abgaben senken. Die damit zusätzlich verfübaren Mittel werden dann von den Menschen investiert und zwar markgerecht und nicht totalität von der Bürokratie gelenkt. Selbstverständlich würde nicht die gesmate Steuerreduktion in Konsum fliessen sondern ein Teil auch als Sparquote “verloren” gehen, aber bekanntlich sind Investitionen des Staates auch nicht zu 100% effektiv = gleicht sich aus.

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